Tomorrow (November 98)

 

Engel im Netz

 

Kein gekröntes Haupt wird mit soviel Begeisterung verehrt wie Sandra Bullock, die „Königin des Netzes“. Und von keiner gibt es dort mehr Kopien, Imitationen und Fälschungen.

 

„Du bist die Königin meines Herzens / Wir werden uns niemals in der realen Welt treffen / Nur im Cyberspace folge ich deiner Spur“ hat Howard V. Barton komponiert. Und wer mit Liebe klickt, der wird noch eine liebevolle und ehrliche Geschichte für die amerikanische Schauspielerin Sandra Bullock finden. Und so weiter. Howard ist einer von mehr als 100000 Fans die ihrer Hollywoodgöttin einen ungewöhnlichen Schrein geschaffen haben: Eine Website. Wer eine der diversen Suchmaschinen benutzt z.B. „Yahoo“ und dort „Bullock“ eingibt, bekommt 140686 Treffer. Kein anderer Star ist an so vielen Orten im Internet präsent. Sandra Bullock, am 26. Juli 1966 in Arlington, Virginia geboren, wird „Königin des Netzes“ genannt. Die Königliche Hoheit hat einen amerikanischen Vater, den Stimmtrainer John Bullock, und eine deutsche Mutter, die Opernsängerin Helga Bullock. Sie spricht, „Wenn ich dazu gezwungen werde“ wie sie sagt, fast akzentfrei Deutsch. Und sie außerdem in der Lage Deutsch zu lesen – was vielen Fans die Hemmung nimmt ihr zu schreiben.

Den königlichen Titel verdankt Sandra Bullock Angela Bennett, einer Computerexpertin, die einer Verschwörung im Internet auf die Schliche kommt. Mit Cleverneß, Bits und Mut verhindert sie die Katastrophe und besiegt die Bösewichte: Im Cyber Thriller „Das Netz“ (1995) nimmt Sandra Bullock ihre Rolle als Profihackerin so ernst, das diese Rolle noch heute am ihr klebt.  So wie John Wayne der ewige Cowboy bleibt, wird Sandra Bullock für immer das Space-Girl sein. Und das, obwohl sie sehr erfolgreich war als Busfahrerin in „Speed“ (1994), als liebenswertes Mädchen in „Während du schliefst“ (1995) oder als bildschöne Mutter in „Eine zweite Chance“, der Anfang 1999 in die deutschen Kinos kommt. Ihre meist Laptopfreien Filme, in denen die größte technische Herausforderung darin besteht einen Anrufbeantworter zu bedienen, werden von den Computerfreaks rund um die Welt ignoriert. Sie finden es schön so zu tun als lebe die verzauberte „Sandy“ in ihrer Welt.

Sandra Bullock’s Cyberidentität ist jedenfalls da, weil sie tatsächlich eine begeisterte Userin ist: „Es kommt regelmäßig vor, das ich die Zeit vergesse, wenn ich im Internet surfe. Ich bin froh, daß ich gute Freunde habe, die mich vom Monitor wegzerren. Auf diese Weise bewegt sich mein Leben im Internet in vernünftigen Grenzen.“ sagt sie. Sie denkt das E-Mails die beste Erfindung seit den Gummibärchen (ihrem Lieblingsessen) ist: „Ich hasse Telefonieren. Briefe sind zu langsam und Faxe zu öffentlich. Ich erledige fast meine gesamte Geschäfts- und Privatkorrespondenz übers Internet.“ Todd Marks, der Informatiker der die Graphiksoftware für „das Netz“ (1995) programmiert hat, lobt Sandra Bullocks Computerverständnis: „Sie hat für den Film an einem dreimonatigen Kurs teilgenommen. Sie wollte sich mit den Programmen vertraut fühlen. Sie hat wirklich schnell gelernt.“

Jetzt hoffen Fans wie Howard, der krank vor Liebe ist, daß Sandra auf einer ihrer Internettouren eine ihrer Seiten besucht, sie anklickt, sich alles begeistert durchliest – und vielleicht ein Gedicht hinterläßt. Es gibt unzählige Cyberfans, die Gedichte von ihr bekommen haben. Oder sie haben sogar ihre geheime E-Mailadresse. Oder ein sexy Photo mit ihrer Unterschrift. Andere haben „Sandy“ in Chaträumen getroffen, wo sie offen über ihr Privatleben geredet hat – „I bin so einsam!“. Sie hat sogar Einladungen in private Chaträume angenommen und mit Tastatur mit Maus die eine oder andere Festplatte heiß gemacht: „Sag schmutzige Sachen zu mir, Sandra.“ Wer denkt, daß das alles wahr ist, der ist verrückt. Wer nur ein wenig nachdenkt entdeckt, daß fast jede Cyber-Sandra falsch ist. Erfundene Netzidentitäten. Sandra Bullock wird auch die „meist gefälschte Frau“ in Internet genannt. Die E-Mailadresse Sbu@compuserve.com oder den Online-Nickname „Sabu“ kann benutzen wer will: harmlose Spaßmacher, einsame Gärtner, schlechte Zahnärzte, alberne Teenager.

„Ich bin nicht Sandra Bullock! Ich habe nicht ihre E-Mailadresse. Ich kann keine E-Mail an sie weiterleiten!!!!“ Dies ist der Hilferuf eines verzweifelten Internetbenutzers der auf vielen Websites auftaucht, die Sandra Bullocks angebliche E-Mailadresse veröffentlichen.

Die Websites sind meistens nicht besonders gut. Ausnahmen sind zum Beispiel „The Queen of the Web Page“, mit Photos, Interviews, Biographie und Filmographie. Oder die „Sandra Bullock Monthly“, veröffentlicht von Fans rund um die Welt, die tatsachengetreu über Sandra Bullocks Arbeit und Kritiken schreiben und ihr Liebesleben mit Respekt behandeln. Miss Bullock ist gegen ihren Willen Hollywoods lebenslanger Single. Wenn man dem Cyber-Magazine Glauben schenken darf, dann hat sie endlich einen Freund gefunden, dessen Identität sie natürlich nicht preisgibt.

Sandra Bullock teilt ihr Privatleben und auch ihr Internet-Privatleben nur mit guten Freunden und ihrer Familie. Sie besucht weder AOL-Chaträume noch sucht sie im Netz nach sich selbst: „ Ich bin eine sehr private Person“ erklärt sie. Wenn sie surft sind ihre Hauptinteressen US Immobilien und Architektur. „Ich liebe es wirklich Häuser zu renovieren und schaue mich um was so auf dem Markt ist.“ sagt sie. Und was ist mit ihrer Liebesgeschichte? Ist Matthew McConnaughey der Glückliche, wie Cyberfans vermuten? „Er ist es nicht. Aber es gibt eine besondere Person in meinem Leben. Alles weitere erfahren sie erst bei unserer Hochzeit.“ Suchbegriffe: „Sandra Bullock Ehemann“.

 

© 1998 by Tomorrow Magazine

übersetzt von Marko von der Heide