Elle (August 95)

Ihre Augen haben einen unerbittlichen Ausdruck, eine Windmaschine zerzaust ihr Haar und sie blickt ungewohnt finster drein. Sandra Bullock rutscht in ihrem Stuhl hin und her. Dabei hat sie kaum Ähnlichkeit mit der sanftmütigen und freundlichen Fahrkartenkassiererin aus ihrem großen Sommerhit „Während du schliefst“ oder mit der Busfahrerin aus „Speed“, sondern sie macht eher den Eindruck einer wachsamen Löwin. Ihr dunkles Makeup und die hellblonden Strähnen in ihrem Haar sind der äußere Ausdruck der mysteriösen katzenhaften Haltung, die Bullock mit der Bullock automatisch auf die unausgesprochenen Launen des Photographen reagiert. Hinterher gibt sie sie zu, daß der Anlaß (ein Photoshooting von ELLE bei dem sie Calvin Klein’s sexy aber dezente Herbstmode vorführt) sie ein wenig aus der Fassung gebracht hat. „Ich fürchte mich ziemlich vor Photoshootings, das ist was völlig anderes als einen Film zu drehen. Vor einer Filmkamera muß man sich nicht anstrengen um Gefühle auszudrücken, vor einer Photokamera schon und manchmal kommt man sich richtig falsch vor.“

Trotzdem erfüllt die Photosession ihren Zweck. In diesem Fall den, Bullock dabei zu helfen in ihre nächste Rolle zu schlüpfen: Als Denis Leary’s raffsüchtige und ehrgeizige Freundin in der melancholischen Komödie „Gestohlene Herzen“. Sie sagt über Ihre Rolle: „Wissen Sie, ich wollte nicht das Stereotyp des Mädchens aus Jersey darstellen, mit Kaugummi und diesem Akzent.“ Stattdessen nähert sich Sandra Bullock ihrer Rolle durch ihre Kleidung. Ihr Charakter trägt einen „schwarzen, glänzenden Trenchcoat, eine Menge fluoreszierendes Rosa, das roteste Rot das man bekommen kann und Neongelb. Ihre Wahl hat absolut nichts subtiles. Sie strebt danach modisch zu sein und Klasse zu haben. Und auf eine gewisse Weise nimmt sie es mit der Mode sehr genau.“

Sie ist, kurz gesagt, daß Gegenteil von Sandra Bullock selbst, die Kleidung als einen Ausdruck einer Art von unausgesprochener Sehnsucht nach Geltung aber auch als Schutzschild benutzt. Bullock pflegt eine einfachen Look – offen aber irgendwie undefinierbar. „Ich liebe es Dinge zu tragen, die von Calvin Klein gemacht wurden,“ sagt sie. „Seine Kleider treffen meinen Geschmack – ich mag eine klare Aussage. Und ich mag es nicht wenn man zuviel Aufmerksamkeit dem widmet, was ich trage.“ Perfekt gestylt, in einem schlichten zweiteiligen Kostüm des Designers stellt Sandra Bullock die Leinwand dar, auf die wir unsere gehobensten Modefantasien projizieren.

Zu anderen Zeiten ist sie dagegen völlig zwanglos, den Eindruck erweckend, als wäre sie gar nicht daran interessiert etwas zu kaschieren. „Ich bin ein bequemer Mensch,“ sagt sie. „Ich mag es ein wenig lotterig auszusehen. Ich bin ein bißchen wild und für mich muß Kleidung in der Lage sein, sich zu bewegen und Falten zu werfen. Alles zu perfekte oder kontrollierte ist altmodisch.“ Die unordentliche, unbedachte und potentiell explosive Seite an ihr wirkt wie ein Magnet auf Calvin Klein. „Sie hat so einen bestimmten Geist und eine bestimmte Energie in sich,“ sagt der Designer. „Ich denke in sie repräsentiert in vielerlei Hinsicht die Art der modernen Frau.“ Man kann sagen, sie ist noch ‚im Entstehen begriffen’. Sandra Bullock’s Stil, der sich immer noch entwickelt, scheint das Produkt von zwei gegensätzlichen Impulsen zu sein: Einerseits der Wunsch ein freier Geist zu bleiben, andererseits der Wunsch auszusehen wie jeder andere auch. In gewisser Weise hat sich die jetzt 29jährige Schauspielerin nie von ihrer Kindheit erholt. Ihre Mutter, eine Opernsängerin, mit der sie bis in ihre Teenagerjahre durch Europa gereist ist, „wollte mich so bewahren, wie ich war,“ sagte Bullock einmal. „Sie sagte mir: ‚Du brauchst dich nicht anzupassen.’ Aber um nach der Rückkehr in die Staaten akzeptiert zu werden mußtest du anpassen.“
Bei ihrer Heimkehr fühlte sie sich „ein wenig hinter der Zeit zurückgeblieben, oder der Zeit voraus. Das konnte ich nicht so richtig herausfinden. Ich habe immer noch grüne Schlaghosen aus Samt getragen, als alle anderen bereits gerade Hosenbeine hatten, weil ich gerade aus Deutschland zurückkam. Und ich hatte immer diese albernen kleinen Barrets um mein Haar zurückzuhalten. Ich war einfach ein paar Takte hinterher.

Heutzutage ist sie mehr auf dem neuesten Stand. Sie rechnet den Mode-Shootings an, daß diese ihr bestimmte Feinheiten gelehrt haben. „Je mehr ich mitmache, desto mehr Ideen bekomme ich. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir einen Slip für acht Dollar gekauft und einen Calvin Klein Pullover dazu getragen,“ sagt sie triumphierend. „Ich fühle mich jetzt aufgeschlossen…. etwa wie, sagen wirwie kreativ kann ich sein?“

Aber bei all ihrem neuen Wagemut, zeigt Bullock doch jedes Anzeichen dafür, das trotzdem noch immer eine einfache Brünette ist. Sie strahlt eine reizende und angenehme Liebenswürdigkeit aus, die die Erotik verbirgt, die in ihr lauert. Es ist gerade diese Andeutung von unergründlichen Tiefen, die für ihre gute Vermarktbarkeit verantwortlich ist. Sandra Bullock, die seit diesem Monat in “das Netz” (einem Techno-thriller) zu sehen ist, erhält Berichten zufolge eine Gage im hohen siebenstelligen Bereich.

Niemand ist ihrem phantastischen Erfolg gegenüber skeptischer als sie selbst, oder mehr darauf bedacht, die Dinge aus einer etwas bodenständigeren Perspektive zu sehen. Als die Arbeit an „Gestohlene Herzen“ sie diesen Sommer  in das ländliche Nova Scotia führte, hat sie jeden tag mit einer fröhlichen Einstellung begonnen. „Dieser Ort hatte so eine Einfachheit,” sagt sie, als sie das kleine Haus am Wasser beschreibt, daß sie mit ihrem besten Freund und Assistenten, Mark Brunetz geteilt hat. „Es war so unglaublich friedlich, es brachte einen dazu, in sich zu gehen. So was hat du in New York nicht, mit all seiner großartigen und aufregenden Energie. Aber dort [in Nova Scotia] denkst du, du solltest dem, was dich ärgert, entgegentreten. Ich bin zu den Rauschen des Ozeans aufgewacht, nach draußen gegengen und saß dort mit meinem Kaffee und dem Sonnenaufgang“ – sie macht eine verträumte Pause – „und ich sagte zu mir selbst: ‚Also….das nenne ich Ruhe’.“

© 1995 by Elle Magazine

übersetzt von Marko von der Heide