Fräulein Wunder aus Hollywood


In "Die Jury" spielt Sandra Bullock ihre bisher anspruchsvollste Rolle - und darauf ist sie stolz: "In diesem Film mitzuspielen war die klügste Entscheidung meiner Karriere." Im Gespräch mit CINEMA schwärmt sie außerdem von Co-Star Matthew McConaughey und verrät, was es heißt, die beliebteste Schauspielerin der Welt zu sein

CINEMA
Die Menschen gehen ins Kino, um Sandra Bullock zu sehen. In "Die Jury" spielen Sie allerdings nur eine Nebenrolle...
SANDRA BULLOCK
Wenn ich die Chance habe, mit einem so wundervollen Regisseur wie Joel Schumacher zu arbeiten, ist es mir egal, ob ich nur in einer oder in jeder Scene des Films zu sehen bin. Ohnehin sind Hauptrollen nicht unbedingt die besten Rollen. Joel war von der Geschichte so begeistert, daß ich einfach mitspielen mußte. ich denke, daß war die klügste Entscheidung meiner Karriere.
CINEMA
In "Die Jury" spielen Sie eine junge Frau mit liberalen politischen Ansichten. Gibt es autobiographische Bezüge?
SANDRA BULLOCK
Oh, das hängt sehr von meiner Tagesform ab (lacht). Manchmal führe ich mich auf wie eine kämpferische Linke, an anderen Tagen vertrete ich eher rechte Positionen. Das kommt ganz auf das Thema an. Aber in bezug auf "Die Jury" haben Sie recht. Ich kann mich mit Ellen Roark voll und ganz identifizieren. Ihre Überzeugungen kommen meinen eigenen sehr nahe.
CINEMA
Gilt das auch für die Todesstrafe?
SANDRA BULLOCK
Ich glaube nicht an die Todesstrafe. Für mich macht es keinen Sinn, einen Menschen zu töten, der das Leben eines anderen auf dem Gewissen hat. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Ganz abgesehen davon, daß die Tatsache, ob du zum Tode verurteilt wirst oder nicht, auch davon abhängt, ob du genug Geld hast, um dir einen guten Anwalt zu leisten.
CINEMA
Wenn all die Artikel, die über Sie geschrieben wurden, der Wahrheit entsprechen, dann müssen Sie der zuvorkommendste und liebenswürdigste Mensch auf der Welt sein...
SANDRA BULLOCK
Ist das nicht schrecklich...? (lacht)
CINEMA
Gibt es keine Schattenseiten im Leben der Sandra Bullock?
SANDRA BULLOCK
Oh doch, sehr viele sogar. Daß ich von Kollegen und Journalisten so positiv gesehen werde, liegt natürlich daran, daß sie mich nicht als Privatperson, sondern in einem professionellen Umfeld erleben. Ich bemühe mich, allen Menschen mit dem gleichen Respekt zu begegnen. Nichts regt mich soauf wie die Arroganz von Leuten, die sich für was Besseres halten.
CINEMA
Sie sind in Deutschland und den USA aufgewachsen, Ihre Eltern waren viel auf Reisen. Ist Ihre Toleranz auch das Ergebnis dieser multikulturellen Erziehung?
SANDRA BULLOCK
Ganz bestimmt sogar. Als Kind habe ich dieses Leben gehaßt, doch im nachhinein denke ich: Was Besseres hätte mir gar nicht passieren können. Als ich 12 Jahre alt war, sind meine Eltern von Deutschland nach Amerika gezogen. In dieser Zeit, zu Beginn der Pubertät, fällt es einem besonders schwer zu akzeptieren, daß man anders ist als die anderen. Jeder von uns kennt das Gefühl, abgelehnt oder ungerecht behandelt zu werden. Als Kind habe ich dies besonders schmerzhaft erlebt. Ich habe daraus gelernt, mir selbst und allen anderen mit Achtung zu begegnen.
CINEMA
Welche Ihrer Eigenschaften sind typisch amerikanisch, welche sind typisch europäisch?
SANDRA BULLOCK
Meine Eßgewohnheiten sind sehr amerikanisch (lacht). Die Lust, neue Erfahrungen zu sammeln, die Bereitschaft, mich in Situationen zu begeben, die mir fremd sind, ist dagegen wohl eher europäisch geprägt. Menschen, die ihr ganzes Leben an einem Ort verbracht haben, sind in der Regel sehr ängstlich, wenn es darum geht, sich auf Unbekanntes einzulassen.
CINEMA
Verdirbt Erfolg eigentlich den Charakter?
SANDRA BULLOCK
Nein, nicht unbedingt. Es ist sogar so, daß sich die Menschen in deiner Umgebung schneller verändern als du selbst. Aber der Erfolg nimmt dir viele Freiheiten, die du vorher für selbstverständlich gehalten hast. Wenn ich einkaufen gehe oder mich zum Essen verabrede, wird daraus sofort ein Medienereignis. Und wenn ich mich einen Moment zu lang mit dem Kassierer im Supermarkt unterhalte, bin ich mit ihm verheiratet, bevor ich den Laden verlassen habe (lacht). Ist das nicht kurios?
CINEMA
Und wie gehen Sie damit um?
SANDRA BULLOCK
Im Laufe der Zeit lernst du, vorsichtiger zu sein. Du stellst fest, daß die Kreise, in denen du dich bewegst, enger werden. Und du mußt natürlich auf manches verzichten. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich mag mein Leben, so wie es ist.
CINEMA
Und wie erholen Sie sich von dem Streß, ein Filmstar zu sein?
SANDRA BULLOCK
Indem ich mich, so oft es geht, zurückziehe. Dafür bin ich geradezu berüchtigt. Ich nehme mir einfach die Freiheit, möglichst viel Zeit mit Dingen zu verbringen, die mir Spaß machen: Bergsteigen und Salsa-Tanzen zum Beispiel. Die meisten meiner Freunde kenne ich noch aus der Highschool oder aus meiner Zeit als Kellnerin in New York. Sie sorgen dafür, daß ich mit beiden Beinen auf dem Boden bleibe.
CINEMA
Bei den Dreharbeiten zu "The Thing Called Love" haben Sie River Phoenix kennengelernt. Hatten Sie damals das Gefühl, daß er mit seinem Leben spielt und jung sterben wird?
SANDRA BULLOCK
Ich kenne viele Menschen, die riskant leben. Und du weißt nie, wie es ausgeht. Wenn ich die Zeichen richtig gedeutet hätte, hätte ich sicher etwas getan. Aber wer weiß schon, was richtig ist... River war ein Engel, ein begnadeter Schauspieler. Aber ich glaube, er ist einfach nicht damit fertig geworden, wie brutal das Leben sein kann. Der Druck, der auf ihm lastete, war irgendwann zu groß.
CINEMA
Sie selbst haben kaum Probleme, mit diesem Druck fertig zu werden. Wie steht es mit Matthew McConaughey?
SANDRA BULLOCK
Matthew ist wunderbar, ich habe ihm einfach gesagt:'Bleib bei mir, und hör' auf mich, dann kann dir nichts passieren.' (lacht) Dabei habe ich wahrscheinlich mehr von ihm gelernt als umgekehrt. Seine Art, mit den Dingen umzugehen und sein Leben zu leben, ist beeindruckend.
CINEMA
Was hat Sie am meisten an ihm fasziniert?
SANDRA BULLOCK
Sein Charakter. Ich habe in meinem Leben nur wenige Menschen getroffen, die mir so ans Herz gewachsen sind wie Matthew. Er hat mir geholfen, zu mir selbst zurückzufinden. Matthew ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch, er gibt mir Halt und Stärke.
CINEMA
Das klingt fast, als könnte daraus mehr werden als nur eine gute Freundschaft...
SANDRA BULLOCK
Oh, Sie meinen, ich sei verliebt (lacht). Nein, nein. Und das ist ja gerade das Tolle daran... Warum werde ich jetzt rot? (lacht) Vor der Kamera ist es ganz einfach, so zu tun, als sei man verliebt. Dabei kann das Gefühl von Nähe und Intimität sehr viel größer sein, wenn man diese Grenze nicht überschreitet. Ich glaube schon, daß es in der Beziehung zwischen Matthew und mir sehr viel Liebe gibt. Wahrscheinlich weil von Anfang an feststand, daß wir einander irgendwann begegnen würden.

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