Cinema (January 96)
"Ich bin keine Pretty Woman"
Irgendwie scheint sie immer noch nicht mitbekommen zu haben, daß sie ein Weltstar ist. Sandra Bullock hat weniger Allüren als so manche Statistin und erobert auch bei ausgeschalteten Kameras die Herzen ihrer Mitmenschen im Sturm. Das Geheimnis ihrer Anziehungskraft klingt wie ein Werbe-Jingle: "Ich will so bleiben, wie ich bin!" - Du darfst, Sandra. Du darfst...
Am letzten Drehtag von "Das Netz" brach sie plötzlich in Tränen aus. Mit verschmierten Augen blickte Sandra Bullock auf den Monitor, der da vor ihr stand, und hatte einen der wenigen sprachlosen Momente ihres Lebens. Aus Filmschnipseln, Outtakes und heimlichen Aufnahmen hinter den Kulissen hatte das Filmteam ein Video zusammengeschnitten, daß ihre Sandy aus allen Perspektiven zeigte. Und im Hintergrund lief der Song "I've Grown Accostumed to Her Face" - Ich hab' mich so an ihr Gesicht gewöhnt. Wer wäre da nicht gerührt?
"Dieses Video war einfach ein Dankeschön", sagt Todd Marks, der als Computer-Techniker am "Netz" mitarbeitete. "Sie ist so unglaublich süß. Nie ließ sie den Star heraushängen, sie war immer ein Teil der Truppe." Und mit dieser Ansicht steht Mr. Marks nicht alleine da. Sandra Bullock am Set - da verfallen alle Beteiligten in einhelliges Schwärmen. Der Beleuchter erinnert sich, wie sie ihm während einer Drehpause einen Cappuccino gekocht hat, mit zwei Kabelträgern ist Sandra eines Abends losgezogen und hat mit ihnen bis in den frühen Morgen in einer verräucherten Bar Salsa getanzt, und an dem Elektriker Don Padilla hat Sandra einen solchen Narren gefressen, daß sie ihn bat, als ihr Begleiter zur Premiere mitzukommen.
Nein, Schauergeschichten von zickigen Ausfällen und extravaganten Forderungen sucht man bei Sandra Bullock vergeblich. Wo Demi Moore, Sharon Stone oder Kim Basinger keine Gelegenheit auslassen, ihre Kollegen an den Rand des Suizids zu treiben, verfällt Sandy höchstens auf vergleichsweise harmlose Methoden, ihren Regisseur zu schikanieren. Jon Turteltaub, mit dem sie "Während Du schliefst..." drehte, mußte sich beispielsweise ein Vorhängeschloß für seinen Garderobenschrank besorgen, da seine Hauptdarstellerin ihm immer wieder seinen gesamten Vorrat an Schokoriegeln mopste.
"Ich krieg' das mit den Starallüren einfach nicht hin", gesteht die Vielgeliebte. "Neulich stand ich mit einer Freundin am Rodeo Drive in Beverly Hills. Ich hatte eine alte Jeans und ein Sweatshirt an, und auch meine Freundin war nicht gerade edel gekleidet. Da fuhr im Schrittempo in einer Limousine Warren Beatty vorbei. Meine Freundin zeigte auf ihn, hüpfte auf und ab und kreischte: 'Das ist Warren Beatty! Wow! Der echte Warren Beatty!'. Und ehe ich mich versah, hüpfte ich mit. Ich schätze, ich bin eine der uncoolsten Schnepfen von L.A."
Andere Hollywood-Größen beschäftigen hochdotierte Imagepfleger, die alles daran setzen, ihre Auftraggeberinnen als liebenswerte, natürliche Mitmenschen zu verkaufen. Sandy kann sich diese Ausgabe sparen. Klar, in Anwesenheit von Journalisten einen kumpelhaften Ton mit dem Kameramann anzuschlagen oder sich hin und wieder mal von einem Paparazzi in Latzhosen bei der Gartenarbeit ablichten zu lassen, das ist kein Problem. Doch daß Sandra Bullock ihre riesige Villa tatsächlich nur zwecks Imagepflege selbst renoviert und einen Parkettfußboden gelegt hat - nein, das mag man denn doch nicht glauben.
Jetzt, wo wir Sandra Bullock haben, wissen wir, was uns vorher immer gefehlt hat: ein Hollywood-Star, der sich die Finger mit Mörtel beschmiert, eine Diva, die sechs Cheeseburger an einem Abend vertilgen kann. Die 31jährige Deutsch-Amerikanerin (Mutter Helga war eine bayerische Opernsängerin) genießt ihre Karriere - "so lange sie halt geht", sagt Sandy - und sieht ums Verrecken nicht ein, warum sie ihr Privatleben ändern soll, nur weil sie jährlich geschätzte zehn Millionen Dollar kassiert. Seit einem Jahr ist sie wieder Single, obgleich ihr die Klatschpresse gern eine Affäre mit Football-Star Troy Aikman unterstellt. Sie lebt mit ihrer Schwester Gesine zusammen, liest gern Stephen King, geht zweimal die Woche in einen Fitneßklub und betont immer wieder gern, daß sie sich nie in einen Mann verlieben könnte, der nicht weiß, wie man eine Waschmaschine repariert. Sandra Bullock ist einfach echt.
Diese Selbstverständlichkeit und Unkompliziertheit ist es, die sie zum Star machte. Stromlinienförmige Mega-Frauen ringen dem Publikum vielleicht ein paar sexuelle Gelüste ab, mit Sandy möchte man danach noch frühstücken, zu Abend essen, das Haus renovieren und viele Kinder haben. Regisseur Irwin Winkler erzählt gern davon, wie seine Ehefrau ihn am Set von "Das Netz" besuchte: "Sie bemerkte, wie aufmerksam ich gegenüber Sandra war und stellte mich hinterher zur Rede: 'Gib's zu, du magst sie!' Ich lächelte nur: 'Ja, du etwa nicht?'"
Und tatsächlich ist die einzige Enttäuschung, die Sandra uns bereiten könnte, daß sie zeitlebens auf das Schnuckelchen geeicht bleibt. Wie langlebig ihre Karriere ist, entscheidet sich schließlich auch dadurch, welche Bandbreite an Charakteren eine Schauspielerin vorführen kann. Bislang appellierte sie an den Beschützerinstinkt und trumpfte mit kumpelhafter Attraktivität auf. Auch in ihren nächsten drei Streifen wird das nicht anders sein: In "Two if by Sea" rauft sie sich in Liebesdingen mit Denis Leary, in Joel Schumachers "A Time to Kill" darf sich das Publikum gemeinsam mit ihr vor einem allgegenwärtigen Mörder gruseln, und der Low-Budget-Film "Kate and Leopold" (Produzentin: Sandra Bullock!) wird sie in einer verspielten Romanze präsentieren.
Immerhin: Das Projekt, das seit einem Jahr wie ein Damokles-Schwert über ihr schwebt, hat sie endgültig abgelehnt: Sie wird nicht der Star von "Pretty Woman 2". Die Begründung ist so kurz, wie sie typisch für Sandy ist: "Ich bin keine Pretty Woman, und ich bin nicht Julia Roberts. Ich heiße Sandra. Sandra Bullock."
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